Der Mensch als Beziehungstier – Ein Blick in die Wissenschaft

Unser derzeitiges Thema Verbundenheit ist so alt, wie die Menschheit selbst. Für das Coaching ist es notwendig, beide Seiten dieses Themas zu beleuchten: Die kreative Energie des Kontakts mit anderen offenzulegen, als auch eigene Grenzen zu ziehen und die der Anderen anzuerkennen. Dieses Thema rührt an grundlegende Mechanismen menschlichen Weltbezugs.

Dass der Mensch ein Ich besitzt, verdankt er dem Selbstbewusstsein. Menschen sind Tiere, die über sich selbst, andere und die Welt im Ganzen nachdenken können. Diese Fähigkeit beherrschen sie wesentlich besser als alle anderen Tiere. Das liegt zum einen an der Sprache und allen ihren Spielarten, die sich kulturgeschichtlich herausgebildet haben. Ein noch älterer und vielleicht sogar entscheidenderer Grund ist die Fähigkeit, Intentionen und Absichten Anderer zu erkennen und teilen zu können. Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie spricht in diesem Zusammenhang von geteilter Intentionalität (shared intentionality). Damit meint er die ganz grundlegende Fähigkeit, einen Gegenstand oder ein Ziel gemeinsam in den Blick zu nehmen und gemeinsame Handlungsstrategien zu entwickeln.

In der Kooperation mit Anderen haben sich die menschlichen Fähigkeiten (allen voran Selbstbewusstsein und absichtsvolles, geplantes Handeln) erst herausgebildet. Dies geht einher mit Gruppenbildung. Erst im gemeinsamen Leben und Handeln konnten Menschen ihre Fähigkeiten nachzudenken, Geschichten zu erzählen und moralische Werte aufzustellen, entwickeln. Der Mensch ist ein Beziehungstier oder mit den Worten des Philosophen und Psychiaters Thomas Fuchs: Das Gehirn ist ein Beziehungsorgan.

Nicht allein unsere Biologie oder der eigene Wille machen uns zu denen, die wir sind. Vor allem die Verbundenheit mit anderen Menschen, Erfahrungen mit allem, was die Lebenswelt zu bieten hat, Gutes sowie Schlechtes formen uns und sogar unsere Biologie. Zum Beispiel entwickelten Taxifahrer in der Zeit vor den Navigationssystemen in großen Städten einen vergößerten Hippocampus (das Hirnarreal, welches mit  Gedächtnis in Verbindung steht), weil sie sich ganze Stadtkarten merken mussten. Genauso haben Bewegung und Körperhaltung nicht nur Einfluss auf hormonelle Prozesse, sondern auch auf die Synapsenbildung im Gehirn. Unser Weltverhältnis und die Anforderungen, die damit einhergehen sind nicht zu unterschätzende Faktoren für die persönliche Entwicklung, die wir in der nächsten Woche noch ein wenig weiterverfolgen werden.

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