Der Mensch, ein Mängelwesen? Der Wunsch, Körper und Geist zu optimieren

Heutige Medizin und Technologie versprechen, unser Leben zu verbessern. Ein längeres Leben, gesteigerte Produktivität und verbesserte Wahrnehmung sind bereits ebenso möglich, wie die Optimierung des Erbguts von Embryonen. Das bestmögliche Leben für uns selbst und unsere Kinder zu wünschen und die zur Verfügung stehenden Mittel dazu zu nutzen, erscheint völlig rational. Dennoch gibt es einen schmalen Grat zwischen Optimierung der Lebensqualität und Optimierung im Sinne von „schneller, besser, weiter“. Letzteres zielt nicht auf Lebensqualität sondern nur auf Profit ab und hat durchaus historische Gründe.

Die Idee, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei, hat sich mit Korpernikus, Darwin und nicht zuletzt Freud in Schall und Rauch aufgelöst. Evolutionär dem Affen nahe verwandt, auf einem kleinen Planeten am Rand der Galaxis lebend und nicht einmal Herr des eigenen Bewusstseins, sondern den dunklen Trieben des Unterbewusstseins ausgeliefert, hat es der Mensch nicht leicht. Der Anthropologe Arnold Gehlen findet 1940 den Begriff des Mängelwesens, um den Menschen zu beschreiben. Als Tier unter Tieren ist der Mensch recht mangelhaft: wenig Instinkt, keine Reißzähne, kein Fell und die vielleicht am langsamsten selbstständig werdenden Nachkommen überhaupt. Der Mensch hat andere Stärken. Er kann die Umwelt so verändern, dass sein schutzloser Körper Wärme und Nahrung findet. Die menschliche Kultur ersetzt das natürliche Habitat und lässt den Menschen zum Herrscher über die Natur werden. Der Traum, auch Körper und Geist zu perfektionieren, ist da ein logischer nächster Schritt. Sogar Unsterblichkeit scheint heute fast in greifbarer Nähe, sei es durch Medizin oder Technologie.

Dennoch liegt ein Hochladen des Bewusstseins in virtuelle Welten noch in weiter Ferne. Wir müssen uns mit anderen Mitteln begnügen. In den nächsten Beiträgen soll der Wunsch nach einer Optimierung von Geist und Körper aus verschiedenen Perspektiven kritisch beleuchtet werden. Es ist zum Beispiel die Frage nach dem Sinn solcher Bemühungen zu stellen: Wo fängt ein besseres Leben an und wann schlägt es in reinen Perfektionismus um? In pragmatischer Hinsicht mag ein optimal funktionierender Angestellter durchaus verlockend sein, aber Optimum ist nicht Balance oder Lebensqualität. Wie gut lebt es sich im perfekten Körper, wenn der Geist dauergestresst ist? Und nicht zuletzt: Wer darf oder kann sich optimieren, und wer oder was bleibt dabei auf der Strecke? Dies und einiges mehr wird in den nächsten Wochen bei uns Thema sein.

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