Die Autoritätsfalle: Alte Werte, neue Lebenstile

Werte und Tradition hängen in unserem Denken eng zusammen. Viele sind stolz auf das Werk und die Werte der Familie und Vorfahren und das oft auch zurecht. Andererseits haben wir im letzten Beitrag betont, dass gerade Überzeugungen und Glaubenssätze aus der Kindheit und im weiteren Sinne aus der Familie überliefert, kontraproduktiv bis schädlich sein können. Oft ist, was als eine Art Wert daher kommt, ein missverstandener Wert. Bescheidenheit beispielsweise ist gut, sein eigenes Licht unter den Scheffel zu stellen und sich klein zu machen, hilft niemandem. Auch Ehrlichkeit ist wichtig und gut, aber es gibt immer Situationen, in denen man damit Menschen verletzen kann oder sich selbst schaden kann. Ein schmaler Grat verläuft zwischen sinnvoller Aufrichtigkeit und verletzender Direktheit.

Auch auf der gesellschaftlichen Ebene existiert eine Spannung zwischen traditionellen Werten und modernen Lebensstilen. Diese Spannung macht sich ganz besonders in als krisenhaft empfundenen Zeiten bemerkbar. Die globale Rückkehr von nationalistischen, konservativen und identitären Glaubenssätzen ist ein solches Krisensymptom. Tradition und Geschichtsbewusstsein sind wichtige Pfeiler der Kultur, aber nicht weil etwas alt ist oder Tradition hat, ist es auch gut. Zum Beispiel die heute wieder vieldiskutierte klassische Rollenverteilung in der Familie: Eigentlich wissen wir längst, dass das eine persönliche Entscheidung, welche Rolle wir spielen oder wen wir lieben wollen. Jedem steht das frei. Man kann auch das klassische Modell wählen, wenn man denn will. Aber das darf kein Muss sein. In einer demokratischen und liberalen Gesellschaft sollte diese Freiheit als absoluter Wert anerkannt sein.

Nun scheint sich aber eine allgemeine Angst angesichts von Klimakrise, Einwanderung und religiösen Konflikten breit zu machen und schon rufen Menschen wieder nach sogenannten traditionellen Werten. Was als Autorität daher kommt, ist meist weder rational noch nützlich. Es ist schlicht eine Falle unseres kognitiven Systems, unserer Art zu denken. Diese sehnt sich immer nach einfachen Lösungen. Traditionelle Werte scheinen solche einfachen Lösungen zu sein. Das sind sie nur auf den ersten Blick. In der Tat sind sie unterkomplex und damit diktatorisch. Oldie but goodie mag für Popsongs stimmen. Wenn es um Werte und Glaubenssätze geht, muss man bei der eigenen Biografie und der Geschichte im Großen und Ganzen kritisch sein. Werte sollen Orientierung geben und so das Leben einfacher machen. Aber sie sind wertlos, wenn sie Intoleranz festschreiben und Menschen in Lebensstile hinein zwingen oder sie verurteilen.

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