Die rosarote Brille im Gehirn: Somatische Marker

Rosarote Brillen und dunkle Wolken kennen wir alle. Gefühlslagen und Stimmungen sind eine Art Tapete, die den Hintergrund des Erlebens bildet. Diese Subjektivität, so suggeriert Wissenschaft und das Streben nach mehr Effizienz, steht einer klaren Sicht im Weg. Das stimmt natürlich nicht.

Ohne unsere ganz persönliche Perspektive und Gestimmtheit könnten wir gar nichts erfahren oder wahrnehmen. Als körperliche und empfindende Wesen sind wir immer schon situiert und besitzen eine Perspektive auf und in der Welt. Der Philosoph Immanuel Kant, merkte einmal an, dass Engel als körperlose Wesen nicht einmal Schnürsenkel binden könnten. Ohne Körper wissen sie nicht, wo links und rechts ist.

 

 

Zu selbstbewusstem Handeln und der Fähigkeit, zeitnah zu reagieren und zu entscheiden, gehört das Feedback des Körpers. Dieses Feedback kommt in Form von Affekten, sogenannten somatischen Markern. Der portugiesische Neurowissenschaftler António Damásio hat den Begriff der somatischen Marker geprägt. Sie sind laut Damásio im präfrontalen Kortex verortet.

Damásio entwickelte seine Theorie auf Basis von Beobachtung. Menschen mit Verletzungen im präfrontalen Kortex zeigen einschneidende Persönlichkeitsveränderungen, die vor allem die Fähigkeit zu Entscheidungen und Irritabilität, also gesteigerte Reizbarkeit betreffen. Die somatischen Marker sind dafür zuständig, den affektiven Gehalt von Körperwahrnehmungen und anderen äußeren Erlebnissen zu verarbeiten. Sie liefern dem Bewusstsein wichtige Information über positive oder negative Werte der jeweiligen Wahrnehmungen. Die somatischen Marker sind unsere (vielleicht nicht immer rosarote Brille), die unseren Wahrnehmung Werte zuordnet. Dank ihnen fühlen wir, ob uns etwas gut tut, ob das Bauchgefühl rebelliert oder es Anlass für Euphorie gibt.

Somatische Marker werden nicht bewusst wahrgenommen. Sie liegen aber allen spontanen Entscheidungen und intuitiven Handlungen zu Grunde. Damit geben sie uns ein Gefühl der Handlungssicherheit, ohne dass wir lange Gründe abwägen müssten. Ist dieses System gestört, dann ist es auch unsere Spontaneität und die Sicherheit, mit der wir uns in der Welt bewegen.

Die somatischen Marker sind auch beeinflussbar. Wenn zum Beispiel eine bestimmte Wahrnehmung prinzipiell Angst auslöst, dann kann es durchaus sinnvoll sein, auf therapeutischen Wege neue Wahrnehmungsgewohnheiten zu entwickeln. Affekte können so kontrolliert und zu Gunsten neuer Selbstsicherheit eingesetzt werden. Eine interessante Lektüre zu diesem Thema finden Sie in dem Buch Die Kraft aus dem Selbst von Maja Storch und Julius Kuhl.

 

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