Du bist nicht dein Gehirn – Das Ich in der Neurowissenschaft

Die Suche nach dem Ich gestaltet sich auch heute nicht ohne Grund schwierig. So wichtig das Ich für unser psychisches und physisches Leben auch ist, es bleibt biologisch gesehen ein Rätsel. Im Gehirn findet sich kein Ich-Areal. Auch Evolutionsbiologen sind nicht sicher, wie sich ein Wesen entwickeln konnte, das Ich zu sich sagt und dank seines Bewusstseins Kunst, Kultur und Wissenschaft entwickeln konnte. Tatsache ist, dass es keinen Ort im Gehirn gibt, an dem das Ich physisch lokalisierbar wär. Vielmehr ist das Bewusstsein unserer selbst eine Funktion des Gehirns, nämlich die Repräsentation dessen, was das Gehirn an Wahrnehmungen und Gefühlen erzeugt. Wir nehmen uns gewissermaßen im Spiegel wahr. Der Philosoph Thomas Metzinger beschreibt, was die Neurowissenschaft uns lehrt, folgendermaßen: „Ganz im Gegensatz zu dem, was die meisten Menschen glauben, war oder hatte niemand je ein Selbst. […] Zuerst erzeugt unser Gehirn eine Simulation der Welt, die so perfekt ist, dass wir sie nicht als ein Bild der Welt in unserem eigenen Geist erkennen können. Dann generiert es ein inneres Bild von uns selbst als einer Ganzheit. […] Dieses Zentrum ist das, was wir als unser Selbst erleben, das Ego.“ (Thomas Metzinger, Der Egotunnel, Piper 2014, 14-22)

Unser Ich oder Selbst ist also eher etwas Virtuelles. Wie kann es dann so einen großen Einfluß auf unser gesamtes Wohlbefinden haben? Das liegt daran, dass wir nicht einfach nur unser Gehirn sind, wie es ein weiterer Philosoph, Alva Noë feststellt (Du bist nicht den Gehirn, Piper 2010). Das, was uns zum Ich macht, sind nicht allein neuronale Prozesse, sondern unser Körper, unsere Umwelt, unsere Mitmenschen und die ganze Biographie. Alles das schreibt sich in unseren Körper und damit ins Nervensystem, dessen Enden im Gehirn zusammenlaufen, ein. Das Gehirn allein ist zwar eine notwendige Bedingung, damit wir uns als Ich erfahren können, aber allein macht es uns noch nicht aus. Da gehört z.B. das gesamte Nervensystem im Bauch dazu, das nicht nur sprichwörtlich existiert. Der Darm ist neben dem Gehirn das dichteste Nervensystem im menschlichen Körper und vielleicht auch die relevante Schnittstelle zum Bewusstsein. Hier fühlen wir ganz konkret, ob etwas gut für uns ist oder nicht. Dieses Bauchgefühl übergehen wir sehr oft. Im Coaching ist es eine zentrale Aufgabe, diese Wahrnehmung wieder zu schärfen. Dazu mehr in der nächsten Woche.

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