Gefühle – ein Intensivkurs

Die industrielle Moderne hatte wenig Platz für Gefühle. Im digitalen Zeitalter spricht man zwar viel von Gefühlen, doch scheinen sie auf emoticons und like-buttons reduziert zu sein. Die neuen Technologien funktionieren nur dann, wenn sie mit Daten gefüttert werden. Nun sind Daten alles, was messbar, quantifizierbar ist. D.h., sie sind das Gegenteil von Gefühlen und Emotionen. Die sind nämlich qualitativ. Es sind Intensitäten, die erfahren, aber nicht gemessen werden können.

 

floating Gefühl

 

In Psychologie und Neurowissenschaft unterscheidet man zwischen Affekten, Emotionen und Gefühlen. Diese Begriffe werden zwar oft unterschiedlich definiert, in jedem Fall aber bauen sie aufeinander auf. Grundlegend sind zunächst die Affekte. Dabei handelt es sich um hauptsächlich körperliche Reaktionen, die reflexartig ablaufen, erlernt oder angeboren sind und direkt, ohne Einmischung des Bewusstseins funktionieren. Affekte sind unvermittelte Reaktionen auf bestimmte Reize. Sie sind entscheidend für die intuitive Verhaltenssteuerung. D.h., sie bestimmen, wie wir in Situationen handeln, die keine Zeit für lange Überlegungen oder Abwägungen lassen.

Erst wenn es sich um Zustände handelt, die bewusste Wahrnehmungen hervorrufen, spricht man von Emotionen. Das heißt, wir haben dann eine bestimmte Perspektive auf den eigenen Gefühlshaushalt, wir spüren Freude, Angst oder Aufregung. Emotionen sind also zeitlich andauernder und stärker bewusst als Affekte, die ganz unwillkürlich auftreten und relativ unreflektiert bleiben.

Der letzte Schritt hin zum wirklichen Gefühl ist wiederum die Dauer. Gefühle sind Stimmungslagen, die anhaltend sind, die das Erleben färben und steuern. Wie wir Information verarbeiten und bewerten hängt stark davon ab, in welcher Stimmung wir sind, welche Gefühle unser Erleben begleiten.

Affekte, Emotionen und Gefühle sind im Erleben kaum zu trennen. Man unterscheidet sie als Ebenen im Erleben, denn sie erfüllen verschiedene Funktionen. Vor allem die Affekte, die ja ganz unwillkürlich zunächst auftreten, haben großen Einfluss darauf, wie wir handeln, uns bewegen und die Welt wahrnehmen. Sie machen uns als Personen aus. Maschinen oder künstliche Intelligenzen haben im Gegensatz dazu keine Gefühle. Ihre Entscheidungen folgen vorprogrammierten Parametern. Obschon sie lernen können, fehlen Ihnen qualitative Erlebnisse. Welche Funktion Gefühle beim Menschen erfüllen, wird im nächsten Beitrag Thema sein.

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