Herdentier oder Einzelkämpfer?

Wagt man einen genaueren Blick in die (Un-)Tiefen des eigenen Seelenlebens, dann trifft man oft auf diese unangenehme Frage: Bin ich ‚ich selbst‘ oder versuche ich nur einem von außen herangetragenen Bild zu entsprechen? Dass es darauf selten eine befriedigende Antwort gibt, deutet schon an, dass die Frage falsch gestellt sein könnte. Das ist sie in der Tat. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir etwas tiefer in die Materie einsteigen.

Das Ich ist ein komplexes Gebilde. In den vorangegangenen Beiträgen wurde es oft als der Mittelpunkt einer Spannung zwischen dem Inneren (der eigenen Befindlichkeit) und den Anforderungen des Berufs und der Mitmenschen beschrieben. Das entspricht im Grunde schon der Gegenüberstellung von Selbstsein und der oft als Fremdbestimmung empfundenen Orientierung an gesellschaftlichen Konventionen. Darin liegt bereits eine Wertung: Starke Persönlichkeiten schwimmen nicht im Strom mit. Sie sind in der Lage, sich selbst zu motivieren und Probleme selbst zu lösen. Sie hatten immer schon das eine Ziel, das sie mit Energie, Risikofreude und Tatendrang erfolgreich verfolgt haben. Die große Masse dagegen orientiert sich lieber an vorgegebenen Wegen und risikoarmen Strategien. So geht die Mär vom Erfolgsmenschen des 21. Jahrhunderts.

Wie es Märchen so an sich haben, sind die Figuren überzeichnet und unterkomplex. Der moderne Individualismus vergisst gerne, dass die Basis jeden Erfolgs auf Verbundenheit mit Menschen und einer Offenheit für Ideen und Neues beruht. Demzufolge ist das, was der Philosoph Friedrich Nietzsche bereits Ende des 19. Jahrhunderts abschätzig als Herdentrieb beschrieb, in seiner Bedeutung für das Individuum nicht zu unterschätzen.

In den nächsten Wochen soll es darum gehen, genau diese Verbundenheit mit anderen Menschen,  Vorstellungen und Kulturen genauer zu betrachten. Welche Rolle spielen eigentlich Verbundenheit, aber auch Grenzen, in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und in der Entfaltung unserer Möglichkeiten? Wie können wir unseren Horizont erweitern und mit Grenzen produktiv umgehen? Bleiben Sie dabei!

 

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