Ich, du, er, sie, es – Das Bedürfnis nach Identität

Identität ist eines der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, das vielleicht für die meisten eher unproblematisch erscheint. Die persönliche Identität bildet sich von der Kindheit bis ins Alter. Sie verändert sich im Laufe der Zeit. Das ist von außen oft viel auffälliger als aus der Innenperspektive. Gefühlt hat man gerade die Pubertät überstanden, objektiv ist man schon in der Midlifecrisis angekommen. Welche Veränderungen das Leben auch bereithält, wir brauchen eine erlebte Kontinuität.

Diese Kontinuität entsteht durch Erzählung. Egal ob am Bartresen oder bei der Geburtstagsfeier: Menschen lieben es, Geschichten zu erzählen. Im Grunde sind es unsere Geschichten, die uns zu dem machen, was wir sind. Sie stellen einen sinnvollen Zusammenhang zwischen den vielen Aspekten der Persönlichkeit und des täglichen Handelns her. Dieses Verhalten ist nicht nur für die individuelle Identität entscheidend, sondern auch für die kulturhistorische Entwicklung des Menschen. Der Philosoph Wilhelm Schapp hat dazu einen sehr lesenswerten Klassiker verfasst: „In Geschichten verstrickt„.

Identität wird vor allem durch das Außen zum Problem. Wir spielen überall Rollen: auf der Arbeit, in der Familie, im Freundeskreis. Es kann passieren, dass diese Rollen in Konflikt geraten. Die Karriere beispielsweise verlangt ständige Durchsetzungsfähigkeit, während das Familienleben ohne Kompromissbereitschaft zerbrechen würde. Schwierig wird es auch, wenn man das Gefühl hat, übergangen oder nicht wahrgenommen zu werden. Auch dann leidet das Bedürfnis nach Identität.

Solche Spannungen werden in den meisten Fällen durch die eigene biografische Erzählung vermittelt und ausbalanciert. Das heißt nicht, dass die eigene Geschichte immer explizit erzählt werden muss. Vielmehr wird sie als Geschichte erlebt. Sie wird als ein Kontinuum von Handlungen und Erlebnissen wahrgenommen. Wenn diese Geschichte brüchig wird, wenn wir keine Zusammenhänge mehr sehen, dann entsteht ein Identitätsproblem: Die Identität zerfällt. Um die einzelnen Aspekte wieder sinnvoll zusammenzufügen, bedarf es einer Außenperspektive. Was von innen betrachtet wie ein viel zu kompliziertes Puzzle wirkt, kann von außen betrachtet ein schönes Bild sein. Erst wenn man sich selbst oder die eigene Geschichte wieder als einen sinnvollen oder sinnhaften Zusammenhang wahrnehmen kann, ist die Identität stabil.

 

 

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