Kategorienbildung oder die Lust am Schubladendenken

Das Thema Prägung und Charakter fasziniert, weil Menschen es lieben, sich und andere zu definieren. Ob es sich dabei um Sternzeichen, Charaktermodelle, Persönlichkeitstests oder Küchenpsychologie handelt, wir lieben es! Und dabei finden wir es aber gar nicht angenehm, in eine Schublade gesteckt zu werden. Zwischen der Lust, sich selbst und andere zu erkennen, und der Angst, verkannt zu werden liegt nur ein schmaler Grat. Eigentlich wissen wir doch alle, dass sich Menschen nicht so einfach kategorisieren lassen. Charaktere sind so komplex, wie die dazugehörigen Lebensgeschichten. Und doch tun wir es.

Vermutlich haben die meisten schon mal das eine oder andere Coaching absolviert, in dem die Kollegen nach Charaktertypen analysiert und vielleicht zu Teams zusammengestellt wurden? Welche Charaktertypen es tatsächlich gibt, darüber herrscht keine große Einigkeit. Klassischerweise unterscheidet man fünf Charaktereigenschaften, die jeweils verschieden gewichtet die Persönlichkeit ausmachen: Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Offenheit, Neurotizismus und Verträglichkeit. Jüngst hat eine großangelegte Studie nach einer Befragung von 1,5 Millionen Teilnehmern eine neue Kategorisierung vorgeschlagen: Nach dieser sind Menschen tendenziell eher durchschnittlich, reserviert, selbstzentriert oder Vorbild (role model), nachzulesen in Nature Human Behaviour.

Das ist so allgemein, dass es auf jeden und niemanden passen kann. Noch viel weniger wissen wir, ob es auch für Kulturen mit anderen Umgangsformen passt. Es könnte ja sein, dass sich Reserviertheit zum Beispiel in einer stark formalisierten Kultur wie der japanischen ganz anders zeigt als im europäischen Raum. Andererseits sind solche Kategorien durchaus dienlich, wenn wir es mit komplexen sozialen Interaktionen zu tun haben. Zu große Komplexität liegt dem menschlichen Verstand nicht. Oft brauchen wir grobe Schubladen oder auch Vorurteile, um eine gewisse Ordnung ins Chaos zu bringen. Dann können wir auch auf Details achten und die Schubladen offenhalten.

Egal wie verführerisch solche Kategorisierungen sind, sie sollten den Blick auf das Entwicklungspotenzial des Charakters nicht verstellen. Dazu mehr in der nächsten Woche.

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