Mode und Identität – Ein Exkurs

Die Bedürfnisse nach Anerkennung, Identität, Autonomie und Selbstwirksamkeit haben eine nicht so offensichtliche Gemeinsamkeit: Sie spielen sich immer im Spannungsfeld von sozialer Gruppe und Individuum ab. Niemand kann wirklich vollständig autonom existieren oder eine so starke Identität besitzen, die die Anerkennung durch Andere überflüssig macht. Das Gleichgewicht von Gruppenbezug und persönlicher Identität oder Autonomie ist entscheidend für ein gesundes Selbstbewusstsein.

Der Soziologe Georg Simmel hat jenes Spannungsfeld von Sozialbezug und dem Streben nach Identität in seinem Aufsatz Philosophie der Mode (1908) besonders eindrucksvoll beschrieben. Der Anfang des 20. Jahrhunderts war gekennzeichnet von industrieller Produktion, Beschleunigung und Verstädterung. Die Tendenz zum urbanen Leben und zur Landflucht ist bis heute im Grunde nicht abgerissen. Sie führt dazu, dass Menschen in immer größeren und dichteren Gruppen zurecht kommen müssen.

Das urbane Leben, wie es zu Anfang der 20. Jahrhunderts aufkam, ließ die menschliche Bedürfnisstruktur besonders deutlich zu tage treten. Simmel attestiert dem Menschen eine dualistische Grundverfassung. Wir schwanken beständig zwischen dem Bedürfniss nach Assimilation (im Strom mitschwimmen) und Differenzierung (den bunten Hund rauslassen). Diese Spannung wird im städtischen Leben besonders augenfällig durch die wechselnden Moden. Da kann es durchaus passieren, dass die Neonlegging der 80er Jahre eine kleine Revolution in der Frühjahrsmode von 2016 auslöst, einfach weil sie mit den modischen Standards aufs Neue brechen kann.

Die Mode „ist Nachahmung eines gegebenen Musters und genügt damit dem Bedürfnis nach sozialer Anlehnung […] . Nicht weniger aber befriedigt sie das Unterschiedsbedürfnis, die Tendenz auf Differenzierung, Abwechslung, Sich-abheben.“ Das Modische bedarf des Neuen, Unerwarteten, zugleich aber auch der Akzeptanz und Nachahmung. Spieltrieb und ästhetische  Lust lassen den Einzelnen seine Identität ausleben ohne dabei die Nabelschnur zum Masse ganz zu kappen. Die Mode verleiht dem Spiel von Nachahmung und Identität einen spielerischen Aspekt, der auch dem Umgang mit Veränderung und beschleunigtem Leben seine Bedrohlichkeit nimmt.

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