Prägung und Charakter: Unverbesserlich Ich oder unbeschriebenes Blatt?

Unser Charakter macht uns zu denen, die wir sind. Er prägt persönliche Beziehungen, Verhaltensweisen und das öffentliche Auftreten. Charakter resultiert selbst auch aus Prägungen. Das Wort selbst beinhaltet diese Bedeutung bereits, denn es kommt aus dem griechischen und bedeutete dort Prägestempel. Im englischen heißen Buchstaben auch „characters“, was an den Buchdruck erinnert. Dort war ursprünglich jeder Buchstabe ein kleiner Stempel, der sich mit den anderen zu einer Unzahl von Worten zusammenfügen ließ.

Auch der menschliche Charakter (und nicht nur: auch Tiere haben Charakter) besteht aus einer Vielzahl von Prägungen: Die Menge der individuellen Erfahrungen, das Elternhaus, die Familiengeschichte, Mentalität des Ortes und der Zeit, Reisen, Beziehungen, Körpererfahrungen. Man könnte diese Reihe endlos weiterführen. Das Bild des Prägestempels legt nahe, dass das geprägte für immer die Spur dieses Stempels trägt. Ist der Charakter also einmal ausgeprägt – hier zeigt sich schon in der Sprache eine gewisse Tendenz zur Festschreibung oder Fixierung, scheint wenig Veränderung möglich.

Denkt man an Papier oder gar Spuren im Stein, dann scheinen Prägungen sehr dauerhaft. Bereits in der griechischen Antike aber wurde das Denken des Menschen mit den Prägungen auf einer Wachstafel verglichen. Alle Erfahrungen schreiben sich wie auf einer leeren Tafel (tabula rasa) dem menschlichen Geist ein. Im 17. Jahrhundert war es der Philosoph John Locke, ein Empirist, der dieses Bild benutzte, um die Rolle der Erfahrung für die Entwicklung des menschlichen Geistes zu beschreiben. Im Gegensatz zu den Rationalisten, die glauben, dass grundsätzliche Regeln des Denkens angeboren sind, gehen die Empiristen davon aus, dass sich alles aus der Erfahrung speist.

Das Bild der Wachstafel ist nun auch für den spezifischen Charakter ein interessantes Bild, denn es zeigt nicht nur, wie Erfahrungen den Menschen prägen, es zeigt auch, dass Dinge ausgelöscht und überschrieben werden können. Ob der Mensch je ein unbeschriebenes Blatt oder eine leere Tafel war, sei dahingestellt. Aber es ist unwahrscheinlich, dass wir ganz und gar unverbesserlich wären. Was Veränderung mit Blick auf den Charakter heißen kann und wie wir damit umgehen, wird uns noch weiter beschäftigen.

Beitrag teilen