Selbst ist der Mensch – Vom Bedürfnis, unabhängig zu sein

Das Bedürfnis nach Bindung und Beziehung hat einen Gegenpart, ohne den niemand wirklich gute Bindungen eingehen kann: Das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, nach Autonomie und Selbstwirksamkeit. Jeder kennt diese Szene: Mit absolut selbstbewusster Miene macht sich ein gerade 2-jähriger Stöpsel auf den Weg durch den Supermarkt. Zwar ist das Geschrei groß, wenn dabei Mama aus dem Blickfeld gerät. Aber der ganze Körper dieses kleinen Bündels Energie sagt: Ich bin schon groß, ich geh jetzt los.

Das sind die ersten Momente, in denen sich der Wille des Kleinkindes zur Autonomie zeigt: Unabhängig und selbstbestimmt steuert es auf die nächstbeste bunte Tüte zu. Später geht es dann um alleine bewältigte Aufgaben, einen eigenen Schlüssel zu besitzen oder alleine mit Bus zu fahren. Auch Fähigkeiten, wie Fahrrad fahren, auf Bäume klettern oder das erste eigene Geld zu besitzen sind Schritte in Richtung Autonomie. Dabei erfährt man sich nicht nur als unabhängig, sondern auch als selbstwirksam. Die eigenen Handlungen machen einen Unterschied. Man ist dann eben nicht auf andere angewiesen und kann selbst etwas bewegen.

Dies sind kleine Schritte für die Menschheit, aber Riesenschritte für das gerade wachsende Selbstbewusstsein. Nur wenn sich ein Kind auch als von den Eltern unabhängiges und selbstwirksames Individuum begreifen kann, entsteht auch Vertrauen in Bindung und in den Anderen. Das mag wie Hausfrauendialektik klingen, ist aber für die Entwicklungspsychologie entscheidend: Bindung darf nicht so eng sein, dass sie dem anderen keinen Raum zur Selbstbestimmung lässt.

Wenn bereits beim Kind der Drang zum selbstbestimmten Handeln unterdrückt und vielleicht sogar durch Liebesentzug bestraft wird, dann leidet der Wille, autonom zu sein. Selbstaufgabe in Beziehungen oder starke Abhängigkeiten sind die Folgen. Die Erfahrung von Autonomie und Selbstwirksamkeit prägen entscheidend, wie Menschen sich in Beziehungen positionieren, ob sie mit Andersheit umgehen können und Selbstzweifeln nachgeben oder nicht. Wenn man aber bereits in dem Gefühl totaler Abhängigkeit aufgewachsen ist, muss man der eigenen Stärke und Selbstwirksamkeit wieder auf die Spur kommen. Das kann dadurch geschehen, sich der Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen bewusst zu werden und eigene Stärken und Handlungsräume bewusst wahrzunehmen.

 

 

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