Ungeliebte Erbschaft: Umgang mit epigenetischen Veränderungen

In der letzten Woche ging es um die Vererbbarkeit von Traumata. Das ist Gegenstand des noch recht jungen Forschungsgebiet der Epigenetik: Im zellulären Umfeld des Genoms finden biochemische Prozesse statt, die bestimmen, wie die Informationen im Genom in körperliches Wachstum und Entwicklungsprozesse übersetzt werden. Dort verändern sich bestimmte Stoffe (Methylgruppen), wenn Menschen traumatischen Situationen ausgesetzt sind. Diese Veränderungen führen in den nachfolgenden Generationen zu Problemen. Zum Beispiel Depressionen, chronische Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Diabetes prägen sich in Menschen mit solchen epigenetischen Veränderungen viel leichter aus als normalerweise.

Was heißt das für die Therapie? Ist man ein hoffnungsloser Fall, der Diktatur des Körpers unterworfen? Das Wissen um die Existenz solcher unguter Vorbedingungen öffnet Chancen: Zum einen haben die Erkenntnisse der Epigenetik Medikamentenforschungen auf den Weg gebracht, die im Gebiet von Krebserkrankungen schon erfolgreich sind.

Auf der psychologischen Ebene ist es durchaus entscheidend, die Ursachen zu kennen. Depressionen, Burnout oder Übergewicht werden gesellschaftlich leider oft einer charakterlichen Schwäche zugeschrieben. Das Wissen darum, dass es körperliche Vorbedingungen gibt, hilft den Betroffenen, Therapien anders anzugehen. Sie müssen sich selbst nicht als zu faul oder willensschwach wahrnehmen. Im Gegenteil, sie tragen ein Erbe, das auf zellulärer Ebene frühere Traumata aufbewahrt. Das Wissen erleichtert noch keine Therapie, nimmt aber die Last der Selbstzuschreibung des eigenen Leidens weg.

Eine noch viel bessere Nachricht ist: Die Möglichkeit einer Regeneration solcher Schäden besteht. Epigenetische Veränderungen sind genauso wenig wie persönliche Glaubenssätze in Stein gemeißelt. Stressreduzierte Lebensweisen, bewusster Umgang mit Traumata können dazu führen, dass die epigenetischen Veränderungen verhindert werden und somit auch nicht weitergegeben werden. Mit diesem Wissen können ganz neue Verfahren und Therapien im Umgang mit Stress und Trauma entwickelt werden. Dabei geht es dann nicht mehr allein um die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Individuums. Vielmehr bedarf es einer ganzheitlichen Perspektive, die biologische und seelische Prozesse mit Langzeitperspektive in den Blick nimmt.

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