Ursprünge unseres Ichs

Unser Ich steht weiterhin im Fokus. Doch worauf ist dieser Fokus gerichtet? In der letzten Woche haben wir schon angedeutet, dass das Ich im Coaching eine zentrale Rolle spielt. Es vermittelt zwischen äußeren Anforderungen und inneren Gefühlen. So steht es in ständiger Spannung zwischen dem „Soll“ und dem „Ist“. Diese Redeweise legt nahe, dass das Ich einen Ort hat bzw. ein Ding ist.

Wie man in der Antike über den Sitz der Seele, damals synonym mit dem Ich, spekuliert hat, hört sich heute recht merkwürdig an. Platon beispielsweise verteilt Verstand, Willen, Gefühle und Begierden auf verschiedene Körperregionen, wie Gehirn, Brust und Leber. Platon war damit jedoch dem späteren christlich-philosophischen Denken einen Schritt voraus: Er dachte Körper und Seele als Zusamenhang. Mit der christlichen Tradition wird die Trennung von Körper und Geist immer stärker. Das, was uns zum Ich macht, das Denken und Fühlen, wird vom Körper (dem reinen materiellen Träger) getrennt. Descartes (1596-1650) beschrieb den Menschen als denkendes Wesen: Ich denke, also bin ich (cogito, ergo sum). Nur im Denken können wir uns unserer Existenz gewiss sein, der Körper hingegen könnte auch anders oder gar nicht existieren. Wir könnten also auch ein Gehirn im Tank sein, dass sich seinen Körper nur einbildet. Die spannende Frage lautet dann aber, wie kann es sein, dass unser Denken den Körper beeinflusst, wenn es doch zwei völlig verschiedene Substanzen sind. Descartes schlug einen Treffpunkt der beiden im Gehirn, genauer der Zirbeldrüse vor, das war jedoch eher eine wilde Spekulation.

Die Trennung von Körper und Geist hat sich tief in unser Denken eingeschrieben und hat große Auswirkung auf das, was wir als Ich heute bezeichnen. Wie wir uns als Person, als Ich erleben, hängt eng mit unseren Vorstellungen von Körper und Geist, von Außen- und Innenwelt zusammen. Der Einfluß, den dieses Erleben auf den Körper hat, wird immer noch unterschätzt. Dadurch kommt es zu den typischen Zivilisationskrankheiten wie Burnout, Depression, Angst und Störungen der Selbstwahrnehmung. Der Soziologe Alain Ehrenberg fasst dieses historisch gewachsene Bild vom Ich unter dem Titel „Das erschöpfte Selbst“ zusammen. In der nächsten Woche werden wir uns den Folgen dieser Geschichte widmen und einen Blick in die Neurowissenschaft werfen.

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