Verstandeskultur III: Die Aufklärung

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant schrieb in seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784) folgendes: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Die Bewegung der Aufklärung hatte das Ziel, den Menschen aus der Bevormundung von Religion und Monarchie zu befreien. Dafür müssen sich die Menschen ihres eigenen Verstandes bedienen und nicht die Verantwortung für das eigene Handeln an höhere Instanzen abgeben. Noch heute fällt uns das gar nicht so leicht.

Die Aufklärung hat viel Gutes bewirkt. Aber sie hat auch eine Tendenz, in ihr Gegenteil umzuschlagen, wie die Philosophen Theodor Adorno und Max Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung (1944) beschreiben. Sie sehen Krieg, Verfolgung und Kapitalismus als die Kehrseite der Aufklärung. Wenn die Vernunft einseitig, wie ein Werkzeug oder Instrument eingesetzt wird, dann führt das zu Schieflagen in der Gesellschaft. Heute äußerst sich diese Überbetonung der Vernunft oder des Verstandes in blindem Effizienz- und Gewinndenken.

In den letzten Beiträgen, in denen es um somatische Marker und Körpergedächtnis ging, wurde schon deutlich: Der Verstand funktioniert nicht ohne die Rückmeldung durch Körperwahrnehmung und Emotion. Beide werden noch immer unterschätzt und ist zum Teil eine Folge des Aufklärungsdenkens. Die Rationalität allein reicht nicht für ein gelingendes Leben oder eine gerechte Gesellschaft. Im Gegenteil, sie versteht es, auch für die schlimmsten Ungerechtigkeiten Rechtfertigungen zu finden.

Kant selbst hat gesehen, dass Begriffe (d.h. der Verstand) ohne die Anschauung (Wahrnehmung) leer sind und die Anschauung ohne Begriffe blind. Dennoch auch heute noch der Verstand gegenüber von Sinnlichkeit und Wahrnehmung privilegiert. Diese werden tendenziell der Seite der Irrationalität zugerechnet. Dieses alte und falsche Denken führt zum Beispiel dazu, dass wir auf Symptome von Stress und Burnout erst dann reagieren, wenn es zu spät ist. Wir wissen um diese Schieflage und doch setzt sich selbst in Neurowissenschaft und Technologie dieses alte Schema fort. Dazu nächste Woche mehr.

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