Verstandeskultur IV: Das Gehirn

Wie wir heute über den Menschen und seinen Verstand sprechen, ist stark durch die Neurowissenschaft geprägt. Das was René Descartes als die denkende Substanz bezeichnet hat, war nicht materiell. Der Körper als ausgedehnte Substanz, wird erst qua Bewusstsein zu einem denkenden Wesen. Das Denken selbst war nach Descartes aber nicht körperlich bedingt. Das führte zur Auffassung, Körper und Geist seien zwei verschiedene Substanzen.

In der Neurowissenschaft findet sich eine andere Auffassung: Der Verstand wird auf die graue Masse, das Gehirn, reduziert. Dieser Schritt hat nun mitnichten die Wiedervereinigung von Körper und Geist zur Folge. Vielmehr tritt das Gehirn an die Stelle der denkenden Substanz von Descartes. Die Meinung, es brauche allein das Gehirn, nicht den Körper, um Bewusstsein zu verstehen, ist immer noch recht verbreitet. Symptomatisch für dieses Denken ist der Umgang mit Psychopharmaka. Geht man davon aus, dass alle mentalen Probleme Fehlleistungen des Gehirns sind, dann liegt es nahe, dieses zu behandeln.

In den 50er und 60er Jahren hat sich in der Neuro- und Kognitionswissenschaft die Auffassung durchgesetzt, dass das Gehirn ein informationsverarbeitendes Organ ist und einem Computer gleicht. Man glaubte also, dass das Gehirn Informationen durch die Sinneskanäle aufnimmt, verarbeitet und dann an das Bewusstsein ausgibt. Das Computermodell des Geistes war sehr lange erfolgreich und hat unser Sprechen über das Gehirn nachhaltig geprägt. Dies führte zu einer weiteren Verstärkung der Verstandeskultur: Der Mensch als rechnendes Wesen, dessen Körper ungefähr so wichtig oder unwichtig für das Denken ist, wie die Hardware für die Rechenprozesse im Computer.

Mit Fortschreiten des Wissens über den Menschen wird aber deutlich: So einfach ist es nicht. Depression, Angst oder Verhaltensstörungen sind nicht allein ein Problem der grauen Zellen. Um das Gehirn und unser Innenleben zu verstehen, muss man das Zusammenspiel von Körper, Umwelt, Biografie und organischen Ursachen in den Blick nehmen.

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