Verstandeskultur V: Die Technik

Nach einer langen Zeit der Privilegierung des Verstandes scheint der Körper heute eine Renaissance zu erleben. Die neuen Technologien, wie Fitbits, Smartwatches und selbst die Mobiltelefone haben unzählige Anwendungen, die uns ein neues Körpergefühl geben wollen. Durch verschiedenste Sensoren messen sie Schritte, Puls, Schlafphasen und künftig noch viel mehr. Heißt das, wir lernen die Rolle des Körpers und der Körperwahrnehmung nun wieder mehr zu schätzen? Vielleicht.

Man kann sicher sagen, dass die ein Ansporn sind, mehr Sport zu treiben. Das ist gut, solange die Smartwatch nicht zum Diktator wird und die Daten sicher sind. Es ist aber auch denkbar, dass diese sehr persönlichen Daten über den eigenen Tagesablauf, die Bewegungs- und Essgewohnheiten und Aufenthaltsorte genutzt werden, um aus ihren Besitzern gute Bürger und günstiger Versicherungsnehmer werden. Das nennt man nudging. Mit diesem Begriff bezeichnet man Strategien seitens von Unternehmen oder auch staatlicher Institutionen, die die Menschen zum gesünderen Leben oder konformen Verhalten aufrufen.

Das bedeutet, Daten über menschliches Verhalten werden zur Grundlage genommen, um die Idee eines guten Bürgers oder eines gesunden Lebens zu entwickeln und als Norm aufzustellen. Hier genau liegt der Hund begraben. Neue Technologien werben mit gesunden Körpern, sie sind aber keine Rückkehr zu einem ausgewogenen Körper-Geist-Verhältnis. Im Gegenteil: Sie sind Teil der alten Verstandeskultur, die alles in Zahlen und Gewinn ummünzt.

Anwendungen, wie Running-Apps fühlen sich nicht ohne Grund wie Spiele an. Damit bemerkt niemand die kühle Kalkulation, die Aufschlüsselung menschlichen Verhaltens in Zahlen und Durchschnittswerte. Es geht aber vor allem darum, was für jeden individuell gut ist und gut tut. Die wichtigen Fragen heute sind also: Welches Bild des Menschen bauen wir ein in unsere Geräte? Und wie können wir vermeiden, ein auf lange Sicht unproduktives Idealbild des Menschen zum Standard der Technik zu machen? Es geht um Ehrlichkeit: Menschen müssen ihre eigenen Wege zu einem guten Körperbewusstsein finden. Zahlen sind dabei nur ein Aspekt. Sie bilden uns weder vollständig ab, noch können sie ein Wegweiser zum gelingenden Leben sein.

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