Vom Himmel gefallen oder menschengemacht? Zum Ursprung von Werten

In den letzten Wochen haben wir einiges zum Thema Wertefindung gesagt. Das wirft die Frage danach auf, wo sie eigentlich herkommen. Vor noch nicht allzu langer Zeit war es in unserem Kulturkreis die Kirche, die die Autorität in dieser Frage hatte. Werte sind nicht menschengemacht, sondern durch eine übersinnliche Instanz verbürgt. Die Realität dahinter hatte weniger mit Religion als vielmehr mit Macht und der Sicherung von Macht zu tun: Die Macht der Monarchie über die Untergebenen, die Macht des Mannes über Frau und Familie oder gar des Marktes über die Käufer – ein Thema, das heute aktueller ist denn je. Klar ist, Werte fallen nicht vom Himmel. Religion selbst ist ein gesellschaftliches System. In erster Linie entstehen Werte im Rahmen kultureller Systeme und Interessen. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte.

Werte nicht nur Teil von Kultur, Sprache und Rationalität, sondern auch von Wahrnehmung und Empfindung. Diese Basis teilen alle Kulturen und sogar alle Organismen. Leben lässt sich als ein Verhältnis von sich selbst erhaltenden, abgeschlossenen Systemen (z.B. Zellen) zur Umwelt definieren. Dieses Verhältnis ist grundlegend geprägt durch einfache Wertigkeiten. Bereits einzellige Organismen nehmen ihre Umwelt nicht einfach wahr, sie unterscheiden beispielsweise zwischen nährstoffreichen Regionen und nährstoffarmen. Menschen haben im Zuge der Evolution eine komplexe Form der Landschaftswahrnehmung entwickelt, die auf Information zur potenziellen Lebensqualität in unterschiedlichen Gegenden abzielt. Wir orientieren uns in der Welt durch Wahrnehmung. Diese hat sich nach Maßgabe von Wertigkeiten der Umgebung entwickelt.

In einfacher Form sind Werte mithin bereits unserem Sinnessystem und Denken eingeschrieben, bevor jegliche gesellschaftlichen Interessen und Machtverhältnisse daran andocken. Werte entstehen im In-der-Welt sein, in der Verschränkung von Körper, Umwelt und anderen Lebewesen. Der Weg, die Orientierung in der Welt geschieht im aktiven Bezug. Die Philosophen Evan Thompson, Eleanor Rosch und Francisco Varela haben das als einen Weg, der beim Gehen entsteht beschrieben. Im lebendigen Bezug zur Umwelt, in der Wahrnehmung entstehen immer neue Orientierungen, Wertigkeiten und Perspektiven. Daraus lässt sich ein dynamischer Wertebegriff entwickeln, der es nicht nötig hat, auf Eingebungen von oben zu warten.

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