Wahrnehmen lernen: Das emotionale Erfahrungsgedächtnis

Im Alltag sind wir ständig mit der Notwendigkeit konfrontiert, Entscheidungen zu treffen. Und die sollen auf vernünftigen Gründen basieren. Wenn also jemand fragt, warum man sich für dieses oder jenes Auto entschieden hat, dann wird man zum Beispiel anführen, dass die Marke bei den Sicherheitstests regelmäßig sehr gut abschneidet oder dass das Angebot des Autohauses sehr günstig war. Gute Gründe allein reichen aber nicht aus, eine konkrete Entscheidung vollständig zu erklären. Was also gibt den Ausschlag in unseren alltäglichen großen und kleinen Entscheidungen?

Es ist nicht nur der Kopf, mit dem wir Entscheidungen treffen, es ist auch der Körper und das emotionale Gedächtnis: Es geht um die somatischen Marker, von denen in der letzten Woche bereits die Rede war. Der Hirnforscher António Damásio entwickelte anhand konkreter Fälle (Phineas Cage) die Theorie, dass es ein Hirnareal gibt, in dem Körpersignale auf ihre emotionale Bedeutung hin verarbeitet werden. Dieses Areal unterstützt uns in Entscheidungssituationen maßgeblich. Es liefert über rationale Gründe hinaus Intuitionen darüber, ob etwas für uns gut oder schlecht sein kann: das sogenannte Bauchgefühl. Dies ist in Wirklichkeit viel komplexer, denn verschiedenste körperliche Reaktion, wie Schwitzen, schneller Puls, oder Schmetterlinge im Bauch können uns sagen, ob etwas positiv oder negativ ist.

Leider sind wir in den meisten Fällen blind für diese Signale, weil die kulturelle Prägung die Vernunft in den Vordergrund stellt. Das ist mitnichten schlecht, aber es ist unzureichend. Wie der historische Fall des Phineas Gage zeigt, funktioniert Vernunft nur dann gut, wenn das emotionale Gedächtnis mithilft. Dieser Mann hatte einen Unfall, bei dem der Teil des Gehirns verletzt wurde, der für die emotionale Bewertung von Wahrnehmungen zuständig ist. Das hatte zur Folge, dass Gage trotz vollständig intakter Vernunft, zu sozial unverträglichen Entscheidungen neigte. Sein Zugang zum emotionalen Gedächtnis war zerstört.

Dieses emotionale Gedächtnis speist sich aus vergangenen Erfahrungen und deren emotionalen Wirkungen. Oft kann nämlich eine Entscheidung vernünftig sein und trotzdem nicht gut. Um dementsprechend zu handeln, bedarf es der Fähigkeit, körperliche und emotionale Signale (die somatischen Marker) wahrzunehmen. Man kann (wieder) lernen, diese Signale des emotionalen Gedächtnisses zu verstehen und zu nutzen. Dazu mehr in der nächsten Woche.

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