Wider dem Schubladendenken I: Ungute Prägungen

Wir stecken nicht nur andere in Schubladen, sondern vor allem uns selbst. Die meisten Menschen tragen ein Set von Glaubenssätzen mit sich, die ihr Handeln, ihre Entscheidungen und ihren Charakter prägen. Diese sind tief verankert. So tief, dass wir sie für unumstößlich wahr halten. Sie zu hinterfragen ist anstrengend und scheint wenig erfolgsversprechend. Da wäre zum Beispiel das unter Frauen sehr verbreitete Hochstapler-Syndrom (Impostor Syndrom), bei dem man unter massiven Selbstzweifeln leidet.

Jeglicher Erfolg oder Fähigkeit wird relativiert, kleingeredet oder als unverdient dargestellt. In abgemilderter Form leiden viele erfolgreiche Frauen unter diesem psychischen Phänomen. Warum es gerade Frauen sind, dafür müsste man die Kulturgeschichte der geschlechtsspezifischen Erziehung anschauen. Man braucht sich aber nur die Arbeitswelt anzusehen, in der die meisten Frauen härter um Anerkennung kämpfen müssen als die männlichen Kollegen. Von diesem harten Fakt abgesehen, macht es keinen Sinn, an derartigen Glaubenssätzen festzuhalten. Sie bilden nichts in der Realität ab und stehen einem gelingenden Leben nur im Weg.

Viele solcher Glaubenssätze sind Relikte aus der Kindheit, aus dem Elternhaus. Sätze wie „Man bekommt im Leben nichts geschenkt“ oder „Ich bin einfach zu schwach, um große Herausforderungen zu bewältigen“ gehen auf Erfahrungen zu Hause und in der Schule zurück. Sie sind sehr fest eingeprägt und schreiben sich oft über Generationen hinweg fort. Neben finanziellen Gründen sind es die Glaubenssätze innerhalb des familiären Zusammenhangs, die dazu führen, dass man über Generationen nicht an Erfolg glaubt und vielleicht auch universitäre Bildung für unerreichbar hält. So entstehen soziale Klassen.

Hier haben wir es nicht mit simplen Überzeugungen zu tun, die immer auch anders sein könnten. Diese Glaubenssätze oder Prägungen sind zwar dem Inhalt nach kontingent, d.h. sie können anders sein und sind nicht notwendigerweise wahr. Aber sie sind tief im neuronalen Gefüge des Gehirns verankert. Die gute Nachricht ist: Sie lassen sich überschreiben. Das bedarf aber eines längeren Prozesses. Dazu nächste Woche mehr.

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