Zu wenig Verbundenheit, zu viel Information

Im Zeitalter digitaler Informationstechnologien ist Verbundenheit ein magisches Wort, vor allem dann, wenn mal kein WLan verfügbar ist. Arbeit und Freizeit sind gleichermaßen durchdrungen durch ewiges Verbundensein. Einen Großteil des Tages verbringt der moderne Mensch vor großen und kleinen Monitoren, reagiert in Echtzeit auf eingehende Emails, Chatnachrichten und push-Benachrichtigungen. Technische Geräte vermitteln Vielen auch den eigenen Körper: Durch Fitbits und anderer tragbare Geräte werden Schritte, verbrauchte Kalorien, Puls oder Schlafqualität gemessen. Dadurch erhält das eigene Körpererleben eine Form messbarer Objektivität, die so vorher nicht möglich war. Manchmal treten dann die Zahlen an die Stelle bewusster Körpererfahrung und reizen zu ewiger Leistungssteigerung oder Fitnessabhängigkeit.

Eines der zentralen Probleme unserer Zeit ist es, technologische Verbundenheit und körperlich-soziale Verbundenheit in Einklang zu bringen. Das ist nicht einfach, weil sich diese Spähren heute kaum noch trennen lassen. Große Teile unseres sozialen Lebens sind technologisch vermittelt: Wir bleiben mit den Freunden in Übersee durch Facebook in Kontakt, chatten mit der Freundin und skypen mit dem Partner auf Dienstreise. Auch die Arbeit macht vor der heimischen Couch nicht halt, denn Emails erreichen uns überall und drängen auf prompte Reaktion. Die technologische Verbundenheit geht soweit, dass physische Anwesenheit in vielen Fällen überflüssig wird und so realer Kontakt seltener wird. Da  nun der Mensch seine Intelligenz gerade durch Gruppenbildung und geteilte Aufmerksamkeit entwickelt hat, müssen wir davon ausgehen, dass die neue technologische Verbundenheit nicht ohne Folgen bleiben wird.

Nicht nur kann physischer Kontakt zur Mangelware werden, darüberhinaus wird eine weitere Form des Verbundenseins prekär: Die Menge der Informationen, die tagtäglich über verschiedenste Kanäle auf den Menschen einprasseln, stehen kaum in einer gelebten Verbindung mit dem Einzelnen und seiner Erfahrung. Allerdings sind Informationen nur dann brauchbar und hilfreich, wenn sie etwas mit uns zu tun haben, uns emotional ansprechen oder irgendeine Wissenslücke füllen. Dafür braucht es Zeit und ein wenig Muße, um relevante Informationen als solche zu erkennen und im sprichwörtlichen Sinn zu verdauen. Wird der Informationsfluss zu dicht und nicht verarbeitet, dann drohen die klassischen Zivilisationskrankheiten wie Burnout, Depression oder Autoimmunstörungen. Wie sich das Verhältnis von Information und gelebter Erfahrung begreifen und in Einklang bringen lässt, dazu mehr in der nächsten Woche.

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